Mineralwasser

Warum nicht jedes Wasser aus der Flasche Mineralwasser sein darf: EU-Recht seit 1980, Anerkennungsverfahren, Kennzeichnungsschwellen von calciumhaltig bis natriumarm und der Unterschied zu Quell- und Tafelwasser.

Alkoholfreie Getränke

Veröffentlicht: 22. August 2026 · 4 Min. Lesezeit

Natürliches Mineralwasser ist rechtlich das strengste Wasser der Flasche: Es muss aus unterirdischen, vor Verunreinigung geschützten Vorkommen stammen, seine Zusammensetzung muss konstant bleiben, und es wird pro Quelle behördlich anerkannt. Die europäische Richtlinie 2009/54/EG definiert genau, was das bedeutet – und was ein Wasser alles erfüllen muss, um sich so zu nennen (abgerufen am 2026-08-23).

Die Definition im Detail

Nach Anhang I der Richtlinie ist natürliches Mineralwasser „ein mikrobiologisch einwandfreies Wasser, das seinen Ursprung in einem unterirdischen Quellvorkommen hat". Es unterscheidet sich deutlich von gewöhnlichem Trinkwasser durch:

  1. seine Eigenart – den Gehalt an Mineralien, Spurenelementen oder sonstigen Bestandteilen
  2. seine ursprüngliche Reinheit

Beide Merkmale müssen „unverändert erhalten" sein. Dazu kommt eine Pflicht, die kaum jemand kennt: Zusammensetzung, Temperatur und wesentliche Merkmale müssen „im Rahmen natürlicher Schwankungen konstant bleiben" – ein Wasser, das bei Regen plötzlich anders schmeckt oder andere Werte liefert, fällt durch.

Die vier Wasserarten im Vergleich

MerkmalNatürliches MineralwasserQuellwasserTafelwasserLeitungswasser
Herkunftunterirdisch, geschütztunterirdischhergestelltGrund-/Stauwasser
Amtliche AnerkennungPflichtneinnein
Abfüllortam Quellortam Quellortbeliebig
Erlaubte Behandlungnur CO₂-Zusatz/-EntzugTrinkwasser-StandardsAufbereitung + Salzenach TrinkWV
ZuständigkeitBMLEHBMLEHBMLEHBMG

(Quellen: RL 2009/54/EG; BMEL-Fachseite, beide abgerufen am 2026-08-23)

Drei Konsequenzen aus dieser Tabelle erklären den Alltag:

  • In Kantinen und Gaststätten-Zapfanlagen steht fast immer nur Tafelwasser – denn Tafelwasser braucht keine Quelle und darf vor Ort hergestellt werden (BMEL).
  • Quellwasser ist kein „schlechteres" Mineralwasser, sondern eines ohne Anerkennungspflicht und ohne Nachweis der ursprünglichen Reinheit (BMEL).
  • Heilwasser ist rechtlich gar kein Lebensmittel, sondern Arzneimittel – zuständig ist das Bundesgesundheitsministerium, nicht das Ernährungsministerium (BMEL).

Anerkennung: So wird ein Wasser zum Mineralwasser

Der Weg läuft über drei Ebenen:

  1. EU-Richtlinie 2009/54/EG: Die zuständige Behörde des Mitgliedstaats erkennt an, begründet die Entscheidung amtlich und veröffentlicht sie; die Liste aller anerkannten Wässer erscheint im Amtsblatt der EU (Art. 1).
  2. AVV Mineralwasser (2001): Die allgemeine Verwaltungsvorschrift legt fest, was geprüft wird – Geologie, Hydrologie, Chemie, Mikrobiologie. Die Anerkennung gilt für die konkrete Quellnutzung, nicht für eine Marke.
  3. BVL-Liste: Das Bundesamt für Verbraucherschutz führt die Liste der in Deutschland zugelassenen Wässer.

Für Drittland-Wässer gilt eine Besonderheit: Ihre Bescheinigung gilt höchstens fünf Jahre (RL 2009/54/EG Art. 1 Abs. 3).

Perlungsstufen: Was die Etiketten bedeuten

Die Bezeichnungen sind EU-weit genormt (RL 2009/54/EG Art. 5):

EtikettBedeutung
Natürlich kohlensäurehaltigCO₂-Gehalt wie am Quellaustritt
Mit eigener Quellkohlensäure versetztmehr CO₂, aber aus derselben Quelle
Mit Kohlensäure versetztCO₂ fremder Herkunft
Kohlensäure entzogen (ganz/teilweise)physikalischer Entzug

„Still" ist die Negation all dieser Varianten. Medium und classic sind keine EU-Begriffe, sondern deutsche Marktpraxis für Zwischenstufen – eine gesetzliche Gramm-Grenze je Liter gibt es dafür nicht.

Als einziger Inhaltzusatz ist überhaupt nur Kohlensäure erlaubt, und deren Entzug muss physikalisch erfolgen (Art. 4). Alles andere – auch Mineralsalze – wäre ein Tafelwasser, kein Mineralwasser.

Mineralstoffe: Die Kennzeichnungsschwellen

Erst oberhalb fester Schwellen darf ein Wasser sich mit bestimmten Namen schmücken (Anhang III der Richtlinie):

BezeichnungSchwelle (mg/l)
Sehr geringer Mineralstoffgehalt≤50 Rückstand
Geringer Mineralstoffgehalt≤500 Rückstand
Hoher Mineralstoffgehalt>1.500 Rückstand
Calciumhaltig>150 Calcium
Magnesiumhaltig>50 Magnesium
Natriumarm<20 Natrium
Natriumhaltig>200 Natrium
Hydrogencarbonathaltig>600 Bicarbonat
Sulfathaltig>200 Sulfat
Säurehaltig>250 freies CO₂

Zwei Überraschungen: „Säurehaltig" meint beim Mineralwasser die natürliche Kohlensäure, keinen sauren Geschmack. Und „Geringer Mineralstoffgehalt" beginnt schon bei 500 mg/l – sehr mineralarme Wässer sind legal und beliebt.

Historische Note: Wässer, die vor dem Stichtag 17. Juli 1980 bereits anerkannt waren und mindestens 1.000 mg/l gelöste Stoffe oder 250 mg/l freie CO₂ haben, brauchen die erweiterten Prüfungen bis heute nicht.

Markt: Zahlen aus der Branche

Der Verband Deutscher Mineralbrunnen meldet für 2025 (vdm.de, abgerufen am 2026-08-23):

KennzahlWert
Absatz Mineral-/Heilwasser10,2 Mrd. Liter (+2,4 %)
Pro-Kopf-Verbrauch128,8 Liter
Stille Wässer+6,1 %
Heilwasser+4,2 %
Branche gesamt inkl. Limonaden13,2 Mrd. Liter (+1,2 %)

Mineralwasser bleibt damit Deutschlands beliebtester Durstlöscher – der Trend geht dabei deutlich zum stillen Wasser.

Häufige Fragen

Warum steht in Kantinen nie echtes Mineralwasser?

Weil Zapfanlagen ortsfest sind und Tafelwasser genau dafür gemacht wurde: kein Quellzwang, Trinkwasserqualität als Basis, Salzzugabe erlaubt (BMEL).

Ist Quellwasser minderwertig?

Nein. Es stammt ebenfalls aus unterirdischen Vorkommen und erfüllt dieselben mikrobiologischen Anforderungen – ihm fehlen nur der Reinheitsnachweis und die Anerkennung (BMEL).

Ab wann darf sich ein Wasser „calciumhaltig" nennen?

Oberhalb von 150 mg/l Calcium (Anhang III). Die Schwelle regelt Kennzeichnung, nicht Gesundheit.

Was bedeutet „natriumarm"?

Weniger als 20 mg/l Natrium – die relevante Angabe für alle, die auf ihre Natriumaufnahme achten (Anhang III).

Ist Heilwasser Mineralwasser?

Rechtlich Nein: Heilwasser ist Arzneimittel und unterliegt dem Arzneimittelgesetz (BMEL).

Darf man Mineralwasser etwas zusetzen?

Nur Kohlensäure – aus derselben Quelle oder fremder Herkunft (dann anders gekennzeichnet). Der Entzug muss physikalisch erfolgen (Art. 4).

Wie viele Mineralwässer gibt es in Deutschland?

Die anerkannten Quellen stehen in der BVL-bzw. EU-Amtsblatt-Liste; die Zahl schwankt je nach Zählweise (Wässer gegen Marken). OFFEN: aktuelle Gesamtzahl.

Muss Mineralwasser am Quellort abgefüllt werden?

Ja – einer der Kernpunkte des Nutzungsrechts. Genau davon hebt sich Tafelwasser bewusst ab (Anhang II / BMEL).

Was heißt „mit eigener Quellkohlensäure versetzt"?

Das Wasser bekam zusätzliche CO₂-Mengen aus demselben Vorkommen. Fremde Kohlensäure müsste als „mit Kohlensäure versetzt" gekennzeichnet werden.

Sind stille Wässer im Kommen?

Ja: 2025 wuchsen sie laut VDM um 6,1 % – stärker als die gesamte Kategorie (abgerufen am 2026-08-23).

Verwandte Artikel