Ostfriesentee: Kluntje, Wulkje und die Physik des Schichttrinkens

Warum Ostfriesen 300 Liter Tee im Jahr trinken, wie der Kluntje thermisch knackt und warum Umrühren die Sensorik zerstört.

Regionales

Veröffentlicht: 21. Oktober 2026 · 19 Min. Lesezeit

Redaktion Getränkezeit

Traditionelles Teegedeck mit Teetasse, Kluntje und Sahnewolke im flächigen Scherenschnitt-Stil.

Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von rund 300 Litern schwarzem Tee halten die Bewohner Ostfrieslands einen globalen Rekord. Weder die britischen Teetrinker mit etwa 110 Litern noch die Iren mit rund 140 Litern reichen an diese Trinkmenge heran. Selbst im Vergleich zu Teenationen wie der Türkei oder Libyen behauptet die Region zwischen Ems, Jade und Wattenmeer ihre Spitzenposition. Was auf den ersten Blick wie eine lokale Marotte wirkt, ist eine über dreihundert Jahre gewachsene Kulturform, die seit Dezember 2016 offiziell als Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission anerkannt ist.

Hinter der Zeremonie steht keine bloße Gemütlichkeit, sondern ein präzise austariertes Zusammenspiel aus Kolonialhandelsgeschichte, Wasserchemie, Thermodynamik und sensorischer Schichtungs-Physik. Wer das Ritual verstehen will, muss den Blick auf die Moleküle, die Mineralien im Wasser und einen preußischen König richten, der an den Teekannen der Küstenbewohner scheiterte.

Der 300-Liter-Weltrekord im Zahlenvergleich

Der Deutsche Tee & Kräutertee Verband e.V. in Hamburg erfasst die Absatzzahlen der Teewirtschaft jährlich in seinem Tee Report. Während der bundesweite Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Schwarz- und Grüntee bei verhaltenen 28 bis 30 Litern im Jahr liegt, weist die Region Ostfriesland seit Jahrzehnten stabile Werte um 300 Liter auf. Umgerechnet auf Trockenblatt-Masse verbraucht jeder Ostfriese zwischen 2,6 und 3,0 Kilogramm schwarzen Tee pro Jahr, das Zehnfache des Bundesdurchschnitts.

Region / LandTeekonsum pro Kopf / JahrBevorzugter TeestilTypische Fett- & SüßungsformSensorische Technik
Ostfriesland (DE)ca. 300 LiterKräftiger Assam-Broken (BOP)Ungeschlagene Süßsahne (30 %) & weißer KluntjeUngerührtes Schichttrinken
Libyenca. 285 LiterKräftiger Schwarz- oder Gunpowder-TeeKeine Milch, stark gesüßt mit SchaumkroneEingekocht, schaumig serviert
Türkeica. 275 LiterRize-Schwarztee (Monokultur)Keine Fettbeigabe, 2 Zuckerwürfel (Kıtlama)Zweiteilige Kanne (Çaydanlık), Tulpenglas
Irlandca. 140 LiterKräftiger Irish Breakfast BlendGekühlte Milch & feiner HaushaltszuckerVollständig umgerührt
Großbritannienca. 110 LiterEnglish Breakfast / Earl GreyGekühlte Kuhmilch (1,5 bis 3,5 % Fett)Vollständig umgerührt im Becher
Deutschland (gesamt)ca. 29 LiterVielfältig (hoher Kräuter- & Früchteanteil)Häufig pur, mit Zitrone oder HonigIndividuell, überwiegend Aufgussbeutel

Die Zahlen belegen, dass die ostfriesische Teezeit kein Feiertagsereignis darstellt, sondern die primäre Flüssigkeitszufuhr des Tages abbildet. Bei fünf bis sechs Tassen am Tag (jeweils rund 120 bis 130 ml Fassungsvermögen) decken viele Küstenbewohner ihren täglichen Basis-Flüssigkeitsbedarf fast ausschließlich über ungesüßte Teeaufgüsse, bei denen sich der Zucker nur langsam am Grund anreichert.

Der Preußische Teekrieg: Widerstand gegen das „chinesische Drachengift“

Dass Ostfriesland heute Tee trinkt, verdankt es seiner geografischen Lage und den Niederlanden. Im 17. Jahrhundert brachten Schiffe der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) die ersten Teeballen aus Asien nach Amsterdam. Durch die enge Anbindung der ostfriesischen Häfen an das niederländische Handelsnetz etablierte sich der Heißaufguss rasch in allen Bevölkerungsschichten. Das Getränk verdrängte das damals aus Hygienegründen allgegenwärtige Dünnbier, weil abgekochtes Teewasser keimfrei war und die schwere körperliche Arbeit im feuchten Nordseeklima erleichterte.

Als das Fürstentum Ostfriesland 1744 nach dem Tod des letzten einheimischen Fürsten Carl Edzard an Preußen fiel, stieß die regionale Gewohnheit auf den Widerstand des preußischen Königs. Friedrich II. („Der Alte Fritz“) verfolgte eine merkantilistische Wirtschaftspolitik. Er sah mit Argwohn, wie beträchtliche Silber- und Devisensummen über die Grenze nach Holland abflossen, um die ostfriesischen Teelager zu füllen.

Am 20. Mai 1777 erließ der preußische König ein strenges Verbot. Er verurteilte Tee als „chinesisches Drachengift“ und als „nahrlose, fremde Flüssigkeit“. Die Untertanen wurden angewiesen, ihren Konsum sofort einzustellen und stattdessen einheimisches Bier oder Aufgüsse aus heimischer Melisse, Schlehdorn und Petersilienwurzel zu trinken. Zur Überwachung wurden preußische Beamte und Zöllner eingesetzt.

Der königliche Erlass löste den sogenannten „Ostfriesischen Teekrieg“ (1777 bis 1780) aus, einen zivilen und bürokratischen Widerstand von beachtlicher Konsequenz:

  • Fischer und Schiffer organisierten ein dichtes Netz von Schmuggelrouten über den Dollart, die Ems und die weit verzweigten Kanäle.
  • Die ostfriesischen Landstände, die Vertretung der Städte, des Adels und der Bauern in Aurich, verweigerten die Kooperation mit der Berliner Regierung.
  • Im Jahr 1779 sandten die Stände ein Protestschreiben an den König, das in die deutsche Kulturgeschichte einging:
    „Der Gebrauch des Thee und Caffee ist hierzulande so allgemein und so tief verwurtzelt, dass der Mensch schon durch eine schöpferische Kraft müsste umgekehrt werden, wenn sie diesen Getränken auf einmal gute Nacht sagen sollte.“

Angesichts drohender Auswanderungswellen erfahrener Deichbauer und Seeleute sowie des Ausbruchs des Englisch-Niederländischen Krieges kapitulierte Berlin im Jahr 1780. Friedrich II. hob das Teeverbot auf. Statt des gescheiterten Verbots belegte Preußen den Tee mit einer ertragreichen Verbrauchssteuer. Der Teekrieg war gewonnen und das Getränk endgültig zum Symbol regionaler Identität aufgestiegen.

Was eine „Echte Ostfriesische Mischung“ ausmacht

Im Lebensmittelrecht ist die Bezeichnung „Ostfriesentee“ im Gegensatz zu regionalen Bieren wie Kölsch kein geschütztes Siegel nach dem EU-Geografieschutz (g.g.A.). Theoretisch darf jede Teemarke weltweit eine dunkle Mischung als Ostfriesentee verkaufen. Es existiert jedoch eine etablierte Verkehrsauffassung im deutschen Lebensmittelhandel:

  • Ostfriesische Mischung: Eine Teekomposition nach ostfriesischer Art, die an jedem beliebigen Ort der Welt hergestellt worden sein kann.
  • Echter Ostfriesentee: Darf sich nur nennen, was von einem in Ostfriesland ansässigen Teehandelshaus (wie Bünting in Leer, Thiele & Freese in Emden oder Onno Behrends in Norden) im ostfriesischen Wirtschaftsraum komponiert, gemischt und abgepackt wurde.

Die Kunst des Master-Blends

Ostfriesentee ist kein Einzelsortentee, sondern ein Verschnitt (Blend) aus zwanzig bis dreißig Einzellagen. Erntebedingungen, Regenfälle und Sonnenstunden in Übersee schwanken ständig. Die Teetester der Traditionshäuser müssen die Rezeptur wöchentlich anpassen, damit das Koppke daheim exakt die gewohnte Farbe, Herbe und Trübungsstabilität behält.

Das Herzstück der Mischung bildet zu 60 bis 75 Prozent schwarzer Tee aus dem indischen Anbaugebiet Assam entlang des Brahmaputra-Flusses. Verwendet werden überwiegend Blätter aus der gehaltvollen zweiten Ernteperiode (Second Flush) von Juni bis Juli.

TeebestandteilTypischer AnteilSensorische Funktion
Assam-Broken (BOP)65–75 %Liefert Malzkörper, dunkelrote Tassenfarbe und Thearubigine
Ceylon-Tee15–20 %Liefert helle Frische, zitrische Spitzen und Säure
Sumatra / Java10–15 %Liefert erdige Tiefe und weiche, dunkle Rösttöne

Ausschlaggebend ist der Blattgrad: Es werden keine ganzen Blätter (wie Orange Pekoe) verarbeitet, sondern Broken-Tees (BOP). Durch das Zerschneiden und Rollen der Teeblätter während der Fermentation wird die Zellstruktur der Pflanze aufgebrochen. Die vergrößerte Kontaktoberfläche führt dazu, dass der Aufguss bereits nach drei Minuten Ziehzeit seine gesamte Farb- und Gerbstoffwucht an das heiße Wasser abgibt. Ein ganzes Teeblatt bräuchte dafür fünf bis sieben Minuten und würde Bitterstoffe freisetzen, die das Aroma überlagern. Wer tiefer in die botanischen Grundlagen der Fermentation einsteigen möchte, findet im Grundlagenartikel zu Schwarzer Tee sowie im Vergleich Schwarztee vs. Grüntee die biochemischen Details.

Das Wasser-Geheimnis: Warum Ostfriesentee außerhalb der Küste scheitert

Viele Besucher nehmen sich aus dem Urlaub eine Packung echten Ostfriesentee mit nach Hause und stellen enttäuscht fest: In München, Berlin, Frankfurt oder Köln schmeckt der Tee bitter, wirkt schlammig trüb und hinterlässt auf der Oberfläche einen unansehnlichen, öligen Film.

Dieses Phänomen ist keine Einbildung, sondern reine Geochemie. Die Teemischungen der ostfriesischen Häuser sind seit Generationen exakt auf das regionale Leitungswasser kalibriert.

Ostfriesisches Trinkwasser wird aus küstennahen Geest- und Moorschichten gefördert. Es zeichnet sich durch eine sehr geringe Härte aus:

  • Wasserhärte in Ostfriesland: Typischerweise 3,5 bis 6,5 °dH (weicher Härtebereich).
  • Carbonathärte: Sehr niedrig; geringe Konzentration an Calcium- und Magnesiumionen.

Wird derselbe tanninreiche Assam-Tee mit hartem Leitungswasser (über 14 °dH) zubereitet, laufen im Glas chemische Fällungsreaktionen ab:

  1. Reaktion: Die zweiwertigen Kationen des Calciums ($Ca^{2+}$) und Magnesiums ($Mg^{2+}$) binden an die freien Phenolgruppen der im Tee reichlich vorhandenen Thearubigine und Polyphenole.
  2. Entstehung von Teestein: Es bilden sich schwerlösliche Calcium-Tannat-Salze. Diese flocken mikroskopisch aus und steigen an die Oberfläche.
  3. Sensorischer Zerfall: Der resultierende dünne Film (oft als „Teeschmiere“ bezeichnet) bricht das Licht und lässt den Tee mattbraun wirken. Zudem neutralisiert der hohe Kalkgehalt die zarten Fruchtsäuren des beigemischten Ceylon-Tees. Der Aufguss schmeckt dumpf, flach und unangenehm trocken.

Wer außerhalb von Weichwassergebieten das authentische Geschmacksprofil erleben möchte, sollte das Brühwasser über einen Tischwasserfilter entkalken oder auf ein geeignetes, calcium- und hydrogencarbonatarmes stilles Mineralwasser zurückgreifen. Die Zusammenhänge zwischen Pufferkapazität und Mineralstoffen sind ausführlich im Ratgeber zu stillem und sprudelndem Wasser dokumentiert.

Die Physik der drei Schichten: Warum Umrühren verboten ist

In vielen Kulturen ist das Einrühren von Zucker und Milch eine Selbstverständlichkeit. Beim britischen Afternoon Tea debattieren Kenner lediglich darüber, ob die kalte Milch vor oder nach dem Tee in die Tasse gehört („Milk in first“ vs. „Tea in first“), um ein Gerinnen der Milcheiweiße zu verhindern.

In Ostfriesland gilt für den Löffel jedoch ein eisernes Tabu: Es wird niemals umgerührt. Wer den Löffel zum Rühren benutzt, begeht einen kulturellen Fauxpas und zerstört die hydrodynamische Dreischichtung, auf der das gesamte sensorische Konzept aufbaut.

PhaseSchicht & TemperaturSensorisches Profil
1. AntrunkKühle Sahnewolke (Wulkje), ca. 12–15 °CKühle, samtiges Mundgefühl (30 % Fett), puffert Bitterstoffe ab
2. HauptpassageHeißer Assam-Aufguss, ca. 85–90 °CKräftiges Malz, herbe Gerbstoffe, Thearubigine
3. NachklangGelöster Kandissirup (Kluntje), TassenbodenKaramellige Süße, warmer, runder Ausklang

Die Zubereitung folgt einer strengen physikalischen Chronologie:

1. Das Kluntje-Knacken (Thermoschock)

Zuerst legt man einen weißen Kandiskristall (Kluntje) auf den Boden der leeren Tasse. Verwendet wird Faden- oder Wankandis, der über mehrere Wochen aus hochkonzentrierter Zuckerlösung langsam zu harten, faustgroßen Brocken herangewachsen ist.

Wird der kochend heiße Tee (ca. 92 bis 95 °C) direkt über den Kluntje gegossen, dehnt sich die äußere Schale des Kristalls schlagartig thermisch aus. Da Saccharosekristalle eine sehr geringe Wärmeleitfähigkeit besitzen, bleibt der Kristallkern für mehrere Sekunden kalt. Die entstehende thermische Spannung übersteigt die Reißfestigkeit des Kristallgitters. Es bilden sich blitzartig mikroskopische Spannungsrisse, die akustisch als helles Knacken („De Kluntje knistert“) zu hören sind.

Da die Flüssigkeit ungerührt bleibt, bildet sich um den Kluntje eine unbewegte Diffusionsgrenzschicht. Die gelöste Saccharose bildet eine gesättigte Lösung mit einer Dichte von $\rho \approx 1,30\ \text{g/cm}^3$. Aufgrund dieser hohen Dichte sinkt der Sirup durch das Schwerefeld an den Tassenboden und bleibt dort stabil liegen.

2. Das Wulkje (Konvektion und Auftrieb)

Als nächstes kommt die Sahne. Verwendet wird ungeschlagene, flüssige Süßsahne mit einem Mindestfettgehalt von 30 bis 32 Prozent. Kaffeesahne mit 10 Prozent oder H-Milch ist ungeeignet, da ihr Fettanteil zu gering und die Partikelstruktur homogenisiert ist.

Mit einem speziell geformten Sahnelöffel (Rohmlepel) wird die kalte Sahne behutsam am Innenrand der Tasse an der Oberfläche abgelegt:

  • Auftriebskraft: Kalte Sahne besitzt initially eine Dichte von rund $1,00\ \text{g/cm}^3$, während der 85 °C heiße Tee nur eine Dichte von ca. $0,968\ \text{g/cm}^3$ aufweist. Die Sahne taucht daher zunächst wenige Millimeter nach unten ein.
  • Konvektion: Durch den intensiven Wärmeübergang vom Tee auf die Sahne sinkt die Viskosität des Milchfetts rapide. Die emulgierten Fetttröpfchen ($\rho \approx 0,91\ \text{g/cm}^3$) dehnen sich aus und steigen durch ihren hydrodynamischen Auftrieb in pilzförmigen Wirbeln zurück an die Oberfläche. Es entsteht die charakteristische Wolke (Wulkje).
  • Gegen den Uhrzeigersinn: Traditionsgemäß wird die Sahne entgegen dem Uhrzeigersinn am Rand eingelegt. Die regionale Redensart erklärt dies bildhaft: „Dat de Tied stillsteiht“ (Damit die Zeit anhält).

3. Die Sensorik des Schichttrinkens

Beim Trinken aus der ungerührten Schale fließt die Flüssigkeit in drei geschmacklichen Etappen über Zunge und Gaumen:

  1. Erster Kontakt (Lippen & Zungenspitze): Die kühle, samtige Süßsahne trifft ein. Das Milchfett belegt die Geschmacksknospen, mildert den Hitzeeindruck und blockiert Bitterstoff-Rezeptoren.
  2. Hauptpassage (Mittelzunge & Gaumen): Unmittelbar dahinter strömt der siedend heiße, kräftige und gerbstoffreiche Assam-Tee ein. Die kräftigen Thearubigine schneiden durch den Fettfilm der Sahne und entfalten Noten von Malz, dunklem Brot und getrockneten Früchten.
  3. Abgang (Gaumensegel & Schlund): Den Abschluss bildet ein kleiner Strom des am Grund gelösten, heißen Zuckersirups. Der herbe Eindruck wandelt sich im Nachhall in eine runde, karamellige Süße.

Würde man die Tasse mit dem Löffel umrühren, vermischten sich diese drei Welten zu einer lauwarmen, beigefarbenen Einheitsflüssigkeit ohne Kontrast und Dynamik.

Tischsitten und stumme Zeichensprache: Die Rolle des Löffels

Zu jedem ostfriesischen Teegedeck gehört ein kleiner Löffel (Kluntjelöpel). Da er nicht zum Rühren dient, hat er eine reine Kommunikationsfunktion zwischen Gast und Gastgeber:

  • Der Löffel auf der Untertasse: Solange der Löffel unberührt neben der Tasse liegt, signalisiert der Gast: „Ich trinke weiter.“ Nach dem Leerung der Tasse füllt der Gastgeber unaufgefordert frischen Tee nach.
  • Der Löffel in der Tasse: Erst wenn der Gast seinen Löffel in die leere Tasse stellt (oder quer über den Tassenrand legt), teilt er lautlos mit: „Ich habe genug getrunken, danke.“ Wer dies versäumt und die leere Tasse stehen lässt, bekommt automatisch nachgeschenkt.
Position des LöffelsKulturelles SignalBedeutung für den Gastgeber
Löffel ruht auf der Untertasse„Ich trinke weiter.“Der Gastgeber schenkt sofort und unaufgefordert nach.
Löffel steht in der Tasse„Genug getrunken, danke.“Die Teezeremonie ist für diesen Gast höflich beendet.

Flankiert wird dieser Brauch durch die sogenannte Dreitassen-Regel: „Dree Koken sünd Oostfresen Recht“ (Drei Tassen sind Ostfriesen-Recht). Eine einzelne Tasse gilt als hastig und unhöflich, zwei gelten als unfertig. Erst mit der dritten Tasse hat der Gast dem Anlass Genüge getan.

Diese Zahl ist kein Zufall, sondern korrespondiert mit der Schmelzrate des Kandis: Ein großer Kluntje von etwa 10 Gramm reicht bei vorsichtigem Schichttrinken exakt für drei Tassen:

  • Tasse 1: Sehr kräftig, herbe Dominanz, Kluntje kaum geschmolzen.
  • Tasse 2: Perfekte Balance, der Kluntje hat die ideale Oberfläche erreicht.
  • Tasse 3: Sehr mild, der Kandis löst sich in den letzten Zügen auf.

Geschirr und Zeremonienzubehör

Das traditionelle Teeservice (Teegood) unterscheidet sich deutlich von englischen Tea Cups oder Kaffeetassen:

  • Die Tassenschale (Koppke): Traditionell henkellos oder mit einem zierlichen Griff versehen, aus extrem dünnwandigem Porzellan gefertigt. Beliebte Dekore sind die berühmte Ostfriesische Rose (historisch aus der Porzellanmanufaktur Wallendorf in Thüringen) sowie das blau-weiße Dresmer Teegood (Dresdner Dekor). Die Dünnwandigkeit sorgt dafür, dass das Porzellan dem heißen Wasser wenig Wärme entzieht.
  • Das Stövchen (Tresoor): Ein metallener oder keramischer Untersetzer mit Teelicht, auf dem die bauchige Kanne ruht. So bleibt der Aufguss über die gesamte Zeremonie auf einer konstanten Temperatur von über 85 °C.

Nährwerte, Koffein und physiologische Wirkung

Schwarztee wird oft fälschlicherweise als harmloses Heißgetränk ohne nennenswerte Inhaltsstoffe wahrgenommen. Durch die hohe Einwaage (10 bis 12 Gramm pro Liter) liefert Ostfriesentee jedoch eine beachtliche Menge an Alkaloiden und Mineralien.

Koffeingehalt im Vergleich

Ostfriesentee enthält durchschnittlich 40 bis 55 mg Koffein pro 100 ml. In einer traditionellen Tasse (125 ml) stecken somit rund 50 bis 68 mg Koffein.

Wer die traditionellen drei Tassen trinkt, nimmt zwischen 150 und 200 mg Koffein zu sich. Das entspricht in etwa der Wirkstoffmenge eines doppelten Espresso oder zwei großen Tassen Filterkaffee.

Der pharmakologische Unterschied liegt in der Bindung des Koffeins:

  • Im Kaffee liegt Koffein ungebunden vor. Es wird im Magen schnell resorbiert und führt zu einem steilen Blutdruckanstieg, gefolgt von einem raschen Abfall.
  • Im Assam-Tee ist das Koffein an kondensierte Polyphenole (Thearubigine) gebunden. Die Aufspaltung erfolgt erst im basischen Milieu des Dünndarms. Die Wirkung flutet langsamer an, hält über vier bis sechs Stunden an und erzeugt ein kontinuierliches Konzentrationsplateau ohne Herzrasen. Details zur Verstoffwechselung finden sich in der Übersicht zum Koffeingehalt verschiedener Getränke.

Kalorien- und Zuckerbilanz

Entgegen der Vermutung, der große Kandiszucker sei eine Kalorienfalle, ist die tatsächliche Zuckeraufnahme moderat. Da der Kluntje nicht umgerührt wird, löst er sich nur allmählich auf.

Ein Zehn-Gramm-Kluntje (rund 40 kcal) verteilt sich rechnerisch auf drei Tassen. Pro Tasse werden somit im Mittel lediglich 3,3 Gramm Zucker aufgenommen (ca. 13 kcal). Zusammen mit den fünf Millilitern Sahne (ca. 1,6 Gramm Fett, 15 kcal) summiert sich eine Tasse Ostfriesentee auf rund 28 bis 30 kcal, deutlich weniger als ein handelsüblicher Latte Macchiato oder gesüßte Kaltgetränke.

Fazit: Lebendige Kultur statt Museumsstück

Die ostfriesische Teekultur beweist, wie aus einer historischen Notwendigkeit und kaufmännischem Eigensinn ein weltweites Phänomen entstehen konnte. Das Zusammenspiel aus weichem Geestwasser, herbem Assam-Broken, thermodynamischem Kluntje-Knacken und ungerührtem Schichttrinken ist ein sensorisches Meisterwerk.

Wer den Tee nach den überlieferten Regeln zubereitet, begreift sofort, warum Friedrich der Große diesen Brauch nicht verbieten konnte: Ein Getränk, das Physik, Geschichte und Gastfreundschaft in einem einzigen Koppke vereint, lässt sich durch kein Dekret der Welt ersetzen. Ergänzende Einblicke in die regionale Trinkkultur des DACH-Raums bietet unser Porträt über Apfelwein, Viez & Most.


Literatur und Quellen

  • Deutscher Tee & Kräutertee Verband e.V.: Tee Report 2024 / 2025: Fakten, Trends und Zahlen aus dem Teemarkt. Hamburg, 2024.
  • Deutsche UNESCO-Kommission: Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes: Ostfriesische Teekultur. Beschluss der Kultusministerkonferenz, Bonn/Berlin, Dezember 2016.
  • Ostfriesisches Teemuseum Norden: Kulturgeschichte des Tees in Ostfriesland: Vom Schmuggelgut zum Lebenselixier. Schriftenreihe des Teemuseums Norden, Norden, 2018.
  • Bünting Teemuseum Leer: 300 Jahre Teekultur an der Ems: Historische Dokumente zum preußischen Teestreit von 1777. Leer, 2020.
  • Johann Gerhard de Riese: Die ostfriesische Teekultur: Geschichte, Brauchtum und volkskundliche Bedeutung. Verlag Schuster, Leer, 1982.
  • Königliche Preußische Kriegs- und Domänenkammer Aurich: Akten bezüglich des Verbotes von Thee und Caffee in Ostfriesland. Niedersächsisches Landesarchiv (Abteilung Aurich), Rep. 13 Nr. 412, 1777–1780.
  • H.-D. Belitz, W. Grosch, P. Schieberle: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. 6. Auflage, Springer Verlag, Berlin/Heidelberg, 2008 (Kapitel 21: Kaffee, Tee, Kakao).